Entkommen ohne anzukommen

The following article was published in Nürtinger Zeitung on March 8. 2014. It is a personal text, talking about Syrian refugees in Turkey, precisely Antakya and Istanbul. The pictures can be found here: http://www.kaiwagner.eu/albums/hatay/

Wie soll es weitergehen? Einmal die Grenze überquert ist der Krieg nicht vorbei. Die Heimat verloren, das Haus zurück gelassen und das alte Leben ist weit weg. Was bedeutet ein Krieg für die Menschen, was genau steckt hinter den Zahlen und Nachrichten die uns alltäglich umgeben? Will man das wissen, kann man es wissen, ich will es zumindest versucht haben.

Seit fast drei Jahren tobt ein rücksichtsloser Bürgerkrieg in Syrien. Es herrscht Chaos im Land, denn hunderte Gruppen stehen sich gegenüber. Der Staat kämpft gegen die Bevölkerung, etliche Rebellengruppen kämpfen für unterschiedliche Ziele gegen den Staat unter Präsident Baschar al-Assad, aber auch gegeneinander. Die Menschen in Syrien geraten dabei oft in Vergessenheit. Auch in Nürtingen haben syrische Flüchtlinge eine Zuflucht gefunden. Wie wichtig das ist versteht man umso mehr, wenn man noch näher an diese Katastrophe herangeht. Millionen Syrer sind sowohl innerhalb als auch außerhalb Syriens auf der Flucht. Allein 600.000 im Nachbarland Türkei. Seit September lebe ich inmitten dieser Schicksale, in Istanbul. Als Austauschstudent in der Türkei erlebt man Vieles hautnah mit. Die Folgen des syrischen Bürgerkrieges kann man auch hier nicht übersehen. Nach Schätzungen leben 100.000 syrische Flüchtlinge in Istanbul, deutlich mehr als in der gesamten Europäischen Union. Im Bus zur Universität sehe ich ganze Familien, die auf den Verkehrsinseln der Hauptstraßen leben.

Anders als in den türkischen Flüchtlingslagern, nahe der syrischen Grenze, sind Flüchtlinge in Istanbul meist gezwungen auf der Straße zu leben. Die sonst moderne und aufstrebende Stadt zeigt dann ihr hässliches Gesicht. Mit dem Verkauf von Taschentüchern und anderen Kleinigkeiten versuchen die Gestrandeten sich ein geringes Einkommen zu sichern. Obwohl die Istanbuler ihnen gegenüber offen sind, ist die Not groß. Viele Familien kommen ohne Rücklagen, jedoch mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist allerdings weit geöffnet, sodass bereits ohne die Flüchtlinge viele Probleme für die Ärmsten der Stadt existieren. Die wenigen Möglichkeiten, an etwas Geld zu kommen und einen sicheren Schlafplatz zu ergattern, werden so noch stärker umkämpft. Wenn man einen Nachmittag durch Istanbul spaziert kann man den Schicksalen dieser Menschen nicht entkommen. Ich fühle mich oft ohnmächtig gegenüber diesen Schicksalen, an denen man zu oft einfach vorbeigeht. Wie kann man helfen, was ist richtig, was ist falsch. Darf ich den bettelnden Kindern etwas geben oder werden sie nur vorgeschickt von Jemandem, der sie ausnutzt, um Geld zu bekommen. Soll man sich über die Mutter ärgern, die bei 10°C ihr Kind ohne Socken zum Betteln schickt, oder sieht sie aus der Not einfach keine Alternative? Mit warmen Stiefeln erzeugt man nun mal weniger Mitleid. Ich habe keine Antwort auf diese Fragen und es ist wohl oft einfach von der Situation abhängig ob man nun etwas gibt oder ob man schon zu viel gesehen hat an einem Tag um noch weitere Schicksale zu ertragen. Mit den Flüchtlingskindern wächst eine verlorene Generation heran. Sie besuchen keine Schule, müssen betteln oder arbeiten gehen, um ihrer Armut zumindest ein wenig zu entkommen. Gerade sie haben an all dem keinerlei Schuld. Für mich sind diese Kinder und ihre Geschichten ein starkes Zeichen gegen Krieg. Zerbombte Häuser kann man wieder aufbauen, eine verlorene Kindheit nicht. Durch mein Studium habe ich einen syrischen Freund gewonnen, der wie ich nach Istanbul gekommen ist, um zu studieren. Die ganze Familie legt bei ihm zusammen, um das Studium zu finanzieren, denn kurz vor dem Abschluss begann der Krieg. Er wird Architekt und die Hoffnung am Aufbau seiner Heimat zu Helfen treibt ihn an. Einen Studienplatz in Istanbul zu finden, bei dem sein bisheriges Studium anerkannt wird, war sehr schwer. Nach Beginn der syrischen Revolution hat er mit Freunden begonnen, in seiner Heimatstadt Aleppo, humanitäre Hilfe für Flüchtlinge aus anderen Städten Syriens zu leisten. Später war das nicht mehr möglich und ein Teil der daraus entstandenen Hilfsorganisation ist nach Antakya, in der Türkei, umgezogen. In meinen Semesterferien habe ich diese Stadt besucht. Nur 50 Kilometer von der türkisch/syrischen Grenze entfernt erlebte ich dort Vieles, das stellvertretend für den syrischen Bürgerkrieg steht. Internationale Organisationen arbeiten in der Stadt und versuchen aus ihren Büros heraus Flüchtlingslager nahe der syrischen Grenze zu betreiben, denn für Ausländer ist es nicht möglich im Innern des Landes zu arbeiten. Gleichzeitig ist Antakya Ziel internationaler Journalisten, denn jeder Journalist, der versucht aus Syrien zu berichten, muss unter hohem Risiko und mittels Schleichwegen zu Fuß die nahe Grenze überqueren.

Aus entgegengesetzter Richtung kommen täglich Flüchtlinge ins Land, denn die offiziellen Grenzübergänge sind auch für sie ein oft unüberwindbares Hindernis. Nur wenige Stunden am Tag kann man den Grenzübergang Bab al-Hawa passieren, der Andrang ist zumeist größer. Flüchtlinge kommen aus dem ganzen Land und haben eine Reise voller Gefahren hinter sich. Unterschiedliche Gruppierungen kontrollieren die aneinander liegenden Territorien. An einem Ort sind es Regierungstruppen, ein anderes Mal Truppen der Rebellen. An jedem Checkpoint, der diese Gebiete voneinander trennt, müssen die Flüchtlinge eine neue passende Geschichte erzählen, um durchgelassen zu werden. Das Risiko umkehren zu müssen oder gar bestraft zu werden, weil man der falschen Seite angehört, schwingt dabei immer mit. In Antakya bin ich einer Familie begegnet, die den beschwerlichen Weg geschafft hat. In einem Tal gelegen erstreckt sich die Stadt auf die umliegenden Hügel und je weiter man diese hinauf geht, desto ärmlicher werden die Behausungen. Geheizt wird zumeist mit Holz oder, dem Geruch nach zu urteilen, auch mit Müll und Plastik. Die Häuser sind klein, wild den Hang hinauf gewachsen und oft in miserablem Zustand. Dort bin ich, gemeinsam mit meinem syrischen Freund aus Istanbul, zwei jungen Männern aus Syrien begegnet, Yamil und Mohammad Awad. Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass beide erst vor einem Monat ankamen und auf der Suche nach Arbeit in der Stadt unterwegs waren. Auch Sie kamen ohne Ersparnisse und aus blanker Not in die Türkei. Mittlerweile werden die Lebensumstände auch in den landwirtschaftlichen Regionen Syriens immer schwieriger. Die beiden luden uns in ihr Zuhause ein, bei Tee und selbst gedrehten Zigaretten saßen wir im Wohnzimmer oder besser gesagt, in dem Raum, in dem gelebt, gegessen und geschlafen wird. Die beiden erzählten uns ihre Geschichte, was ohne meinen Freund Yousef, der fleißig für mich aus dem Arabischen übersetzte, unmöglich gewesen wäre. Die wenigen im Raum vorhandenen Besitztümer hatten sie von Nachbarn geschenkt bekommen, unter anderem einen alten Fernseher der ein bisschen heile Welt ins Zimmer brachte, denn daran fehlt es den sechs Menschen in diesem 10 m2 großen Raum am meisten.

Zur Zeit der Revolution arbeiteten die beiden in Syriens Hauptstadt Damaskus, als bekannt wurde, dass sie sich an regierungskritischen Demonstrationen beteiligten, wurde ihr Haus kurzerhand angezündet. Die beiden Männer schafften es, in ihr Dorf zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Später, lange nach Beginn des Bürgerkrieges, griffen auch sie zu den Waffen, um ihr Dorf gegen Regierungstruppen zu verteidigen. Trotz der erfolgreichen Verteidigung ihres Dorfes, konnten sie aber nicht in Syrien bleiben, da es unmöglich wurde die Familie zu ernähren. Für uns unvorstellbar, denn 200 Euro reichen aus, um Miete und Essen für die beiden kleinen Familien zu bezahlen. Noch ist das Geld knapp, denn Arbeit findet man in Antakya nur schwer, zu viele Flüchtlinge versuchen Tag für Tag das Selbe. Zum Glück konnten wir den beiden weiterhelfen, indem wir Kontakt zu einer örtlichen Nichtregierungsorganisation herstellten. Mit etwas Glück bekommen die beiden Kinder bald einen Platz in einer Tagesbetreuung. Trotz ihrer Sorgen sind die beiden Männer aber froh in der Türkei zu sein, denn hier sind sie in Sicherheit. Ein Begriff der in Syrien heute ein Fremdwort ist.